Ohrenbetäubend laut

“The future belongs to those who believe in the beauty of their dreams.” ― Eleanor Roosevelt

Leseempfehlung der Redaktion

Bereits in der vergangenen Ausgabe haben wir Texte veröffentlicht, die beim 3. Schreibwettbewerb „Lust am Schreiben?“ der Jugendstiftung und die Literarische Gesellschaft im schulischen Rahmen ausgezeichnet waren. In diesem Beitrag möchten wir euch den Text von Anna Steinwachs (J1) präsentieren. Aus den insgesamt 287 eingereichten Arbeiten der 6.-11. Klasse wurde sie auf städtischer Ebene mit einem 1. Platz ausgezeichnet. Die Kurzgeschichte wurde zusammen mit den weiteren prämierten Erzählungen veröffentlicht. Die Publikation ist in der Schulbibliothek einsehbar.

Der Text zeigt, wie unterschiedlich und wie zerbrechlich „LEBENS(T)RÄUME“ sein können: hoffnungsvoll oder hoffnungslos, fröhlich, traurig, geborgen, bedrohlich, deprimierend, ermutigend, gefangen oder frei. Da sie sowohl inhaltlich als auch sprachlich anspruchsvoll sind und für die entsprechenden Altersgruppen geschrieben wurden, empfehlen wir die Lektüre der Texte ab Klasse 8. In den kommenden Beiträgen sind auch wieder Erzählungen für die Unterstufe dabei – versprochen!

Eure Redaktion

Ohrenbetäubend laut

“The future belongs to those who believe in the beauty of their dreams.”
― Eleanor Roosevelt

Du bist laut, sagen sie ihr schon ihr ganzes Leben lang. Laut ist unangenehm, laut ist aufdringlich, laut ist störend, laut passt nicht zu ihr, zu einer Frau. Sie ist eine Frau. Sie hat Arme, Beine, einen Kopf, einen Bauch, einen Rücken und sie ist laut. Zu laut. Ihr Geschrei ist ohrenbetäubend, markerschütternd, nicht auszuhalten für andere.

„Eine Schande, eigentlich ist sie heiß, aber ihr Gerede abturnend. Eine Möchtegern-Feministin. Ein Mannsweib. Wir leben im 21. Jahrhundert, Frau und Mann sind gleichberechtigt. Grab them by the p*ssy, you can do anything. Frigide Kuh. Ihr fehlt der richtige Mann, der wird sie schon eines Besseren belehren. Ihren Genderwahn soll sie woanders verbreiten. Warum redet sie so laut?“

ungehört (I)

Sie ist 13 Jahre alt. Wie alt er ist, weiß sie nicht. Eine gute Partie ist er, wohlhabend, mit einem großen Haus für viele Kinder. Sie ist 13 Jahre alt. Sie ist eine Frau. Sie werden hübsche Kinder haben. Hoffentlich kriegen sie seine Nase, ihre mag sie nicht. Sie ist zu groß, zu unweiblich. Sie kann froh sein, dass er sie überhaupt genommen hat, meint die Mutter. Jetzt nur bald Kinder und bloß kein Mädchen, das wäre der Untergang. Einen Jungen soll sie bekommen, einen, der das Geschäft übernimmt, der die Familie stolz macht. Einen Jungen und dann noch einen und dann noch einen, sie ist ja noch jung und er kann sich das ja leisten. Sie kann froh sein, dass er sie überhaupt genommen hat. Sie ist 13 Jahre alt. Sie steht da in ihrem Käfig aus Seide. Er darf sie jetzt küssen. Sie wird nicht studieren. Wird nie das Fieber heilen, das ihr die kleine Schwester genommen hat. Sie schreit und niemand hört sie. Sie ist eine Frau.

ungehört (II)

Sie steht vor dem Spiegel. Ihre Haare sind noch nass und die Stelle, an der sie sie ihr ausgerissen haben, sticht sichtbar für alle hervor. Dabei hat es so lange gebraucht, bis sie endlich die richtige Länge gehabt hatten. Sie ist eine Frau. Mit einer Transe wollen sie nicht duschen, haben sie ihr gesagt. Ob sie ihn mal sehen dürfen, haben sie gefragt. Widerlich und abnormal finden sie das. Sie ist eine Frau. Eine Schande ist sie und ihre Mutter tut ihnen leid. Wie sie sich selbst noch ansehen kann. Ihre Augen sind grau. Der Spiegel ist grau. Die Zahnbürste im Becher ist grau. Die Tabletten sind grau. Ihre zitternde Hand ist grau. Eine, zwei, drei, fünfundzwanzig. Schlucken. Der Boden, auf den sie jetzt fällt, ist grau. Ihr Schrei ist grau. Niemand hört ihn. Danach ist alles wieder still. Sie wird nie wieder malen. Wird ihre Kunst niemals der Welt präsentieren. Sie ist eine Frau.

ungehört (III)

Sie liegt in dem Bett, in dem sie schläft und das trotzdem nicht ihres ist. Es gehört ihm, so wie alles andere in der Wohnung. Sie gehört ihm, ist ins Inventar übergegangen, Besitztum geworden. Sie ist eine Frau. Mit seinen schönen Worten hatte er sie gefesselt, langsam und Stück für Stück. Heute ist sie unbeweglich. Sie ist unbeweglich, während sie sich an ihr vergehen. Tag für Tag. Sie ist sein lukrativstes Geschäft, meint er, er ist stolz auf sie und dann küsst er sie, wie all die anderen Männer auch und sie ist unbeweglich. Die Musik hat sie aufgegeben. Ihre Finger bleiben erstarrt, finden die Tasten nicht mehr. Längst sind ihre Schreie verklungen. Sie ist eine Frau.

ungehört (IV)

Sie ist jetzt rein. Überall ist Blut und sie ist jetzt rein. Sie ist eine Frau. Sie spürt nichts mehr. Vorher war da der Schmerz zwischen ihren Beinen, doch jetzt spürt sie nichts mehr. Die Glasscherbe liegt neben ihr, sie ist voller Blut. Sie liegt immer noch so da, wie sie sie liegengelassen haben. Arme und Beine sind gespreizt, sie hat es noch nicht einmal geschafft, ihren Rock wieder anzuziehen. Wie eine zweite Haut liegt er neben ihr. Sie ist gehäutet wie ein Tier. Nackt und wehrlos und blutig. Sie ist jetzt eine Frau. Sie haben sie zugeschnürt, wie ein Paket. Ein Paket, dessen Inhalt auf seinen Empfänger wartet. Auf seinen Besitzer. Verstümmelt. Sie wird nie wieder singen. Ihr kurzes Leben lang hat sie nichts anderes getan, immer nur gesungen. Jetzt kriegt sie keinen Ton mehr heraus, sie ist stumm und taub, kann nicht mehr sprechen und will nichts mehr hören. Sie hat geschrien, sie haben ihr die Stimme genommen. Sie ist eine Frau.

ungehört (V)

Der Pinsel in ihrer Hand zittert. Eine Schicht, zwei, dann die dritte. Das dunkle Lila schimmert immer noch durch die Schminke hindurch. Sie ist eine Frau. Gestern hatte er wieder einen schlechten Tag gehabt. Der Stress in der Arbeit setzt ihm zu, erklärt er, als er ihr heute Morgen Kaffee ans Bett bringt und ihr sein schönstes Wiedergutmachungslächeln zeigt. Und da ist sie wieder, die Glückssekunde, auf die sie hinlebt. Wer würde dir schon glauben, hatte er geschrien, bevor die Welt um sie herum dunkel geworden war und es nichts mehr außer ihr und den Schmerzen gegeben hatte. Sie traut nicht mehr und wird es auch nie wieder. Trotzdem bleibt sie. Ihre Hand zittert nicht mehr, als sie die vierte Farbschicht aufträgt. Sie hatte nicht einmal geschrien, wozu auch, niemand hätte sie gehört. Auch jetzt schreit sie nicht. Wer würde ihr schon glauben? Sie ist eine Frau.

ungehört (VI)

Sie riecht ihn. Er ist überall, sein Geruch geht ihr nicht aus der Nase. Sie sieht ihn. In dem Mann an der Kasse. In dem Mann aus der Bahn. In dem Mann auf der Straße. In dem Mann zuhause. Sie hört ihn. Im Vorbeigehen und im Stehenbleiben. Sie fühlt ihn. In der Hand auf ihrem Arm. In dem versehentlichen Anrempeln. Sie schmeckt ihn. In der ersten Zigarette und in dem letzten Glas Wein, das sie besser nicht getrunken hätte. Genauso, wie sie den Rock nicht hätte anziehen sollen, er war ein bisschen zu kurz. Der Lippenstift war ein bisschen zu rot. Der Absatz ein bisschen zu hoch. Sie ist eine Frau. Es ist dunkel. Es war hell und jetzt ist es dunkel. Morgen wird es wieder hell, aber nicht für sie. Sie wird niemals Kinder bekommen. Sie hat geschrien. Sie schreit. Niemand hat sie gehört. Niemand hört sie. Sie ist eine Frau.

Du bist laut, sagen sie ihr schon ihr ganzes Leben lang. Laut ist unangenehm, laut ist aufdringlich, laut ist störend, laut passt nicht zu ihr, zu einer Frau. Sie ist eine Frau. Sie hat Arme, Beine, einen Kopf, einen Bauch, einen Rücken und sie ist laut. Zu laut. Ihr Geschrei ist ohrenbetäubend, markerschütternd, nicht auszuhalten für andere. 

Warum redet sie so laut?

Sie ist eine Frau. Sie hat Arme, Beine, einen Kopf, einen Bauch, einen Rücken und sie ist laut. Zu laut? Zu laut, um Ungerechtigkeiten hinzunehmen. Zu laut, um klein beizugeben. Zu laut, um sich zu fügen. Zu laut, um zu schweigen, wie die, die nicht anders können, zum Schweigen verdammt sind, denen die Stimme genommen wird. Zu laut, um noch mehr Traumblasen platzen zu sehen. In einer Welt, in der Träume nur zum Träumen sind und selbst die Träumer am Ende des Tages traumlos nach Hause gehen, träumt sie weiter. Sie ist laut, ohne ihre Stimme zu erheben, und dennoch ohrenbetäubend laut. Ohrenbetörend laut. Sie ist eine Frau.

Wir sind eine Frau.

Ein Text von Anna Steinwachs.

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