Hinter der Wand

"Ich sitze in meinem Bett und betrachte meine zartgelbe Wand. Das ist es was ich tue. Ich sitze da und sehe mir die Bilder an, die dort hängen."

Leseempfehlung der Redaktion

Bereits in der vergangenen Ausgabe haben wir Texte veröffentlicht, die beim 3. Schreibwettbewerb „Lust am Schreiben?“ der Jugendstiftung und die Literarische Gesellschaft im schulischen Rahmen ausgezeichnet waren. In diesem Beitrag möchten wir euch den Text von Susanna Ivok (Kl. 9) präsentieren. Aus den insgesamt 287 eingereichten Arbeiten der 6.-11. Klasse wurde sie auf städtischer Ebene mit einem 3. Platz ausgezeichnet. Die Kurzgeschichte wurde zusammen mit den weiteren prämierten Erzählungen veröffentlicht. Die Publikation ist in der Schulbibliothek einsehbar.

Der Text zeigt, wie unterschiedlich und wie zerbrechlich „LEBENS(T)RÄUME“ sein können: hoffnungsvoll oder hoffnungslos, fröhlich, traurig, geborgen, bedrohlich, deprimierend, ermutigend, gefangen oder frei. Da sie sowohl inhaltlich als auch sprachlich anspruchsvoll sind und für die entsprechenden Altersgruppen geschrieben wurden, empfehlen wir die Lektüre der Texte ab Klasse 8. In den kommenden Beiträgen sind auch wieder Erzählungen für die Unterstufe dabei – versprochen!

Eure Redaktion

Hinter der Wand

Ich sitze in meinem Bett und betrachte meine zartgelbe Wand. Das ist es was ich tue. Ich sitze da und sehe mir die Bilder an, die dort hängen. Es sind unglaublich viele und jeden Samstag, wenn meine ältere Schwester mich besuchen kommt, wird es ein Bild mehr. Wenn sie wieder geht, bleibe ich hier. Meistens. Aber an guten Tagen gehe auch ich. Natürlich komme ich immer wieder zurück. Denn das ist es was ich tue. Zurückkommen. Aber wenn ich es geschafft habe zu gehen, dann bin ich frei und die Welt leuchtet. Ich war schon an so vielen unzähligen Orten, einer schöner als der andere, aber trotzdem bin ich noch nie geblieben. Nicht, dass ich das nicht wollen würde, aber jede Reise endet nun mal irgendwann.

Wenn ein Bergsteiger sein Ziel erreicht hat, dann schließt er für einen Moment die Augen, öffnet sie und realisiert, dass er es geschafft hat. Ich bin auch ein Bergsteiger.

Ich tue jeden Tag genau das gleiche wie er. Wenn ich zum ersten Mal am Tag die Augen öffne, dann schließe ich sie sofort wieder und realisiere, dass ich es geschafft habe. Dass ich noch da bin. Nicht, dass ich irgendwo hin gehen könnte. Ich bleibe. Immer. Genauso wie es jeden Samstag ein Bild mehr sein wird, wird es auch jeden Tag ein Strich mehr in meinem Notizbuch. Denn jeder Tag mehr ist ein Tag weniger.

Ich bin also ein Bergsteiger, denn ich habe mein Ziel immer vor mir. Einen Tag nach dem anderen.

Ich bin also ein Bergsteiger, denn genau wie er klettre ich immer weiter. Zum nächsten Morgen. Zum nächsten Samstag. Zum nächsten Bild. Zur nächsten Reise. Auch wenn mich die Kräfte verlassen.

Gerade jetzt sitze ich vor meinem Berg. Ich knie am Ufer eines Sees. Ich sitze da und betrachte ihn. Wenn das Wasser ruhig ist, sehe ich mich. Ich habe mal von einem Spiegel gehört, der einem seinen tiefsten und sehnlichsten Herzenswunsch zeigen soll. Manchmal ist dieser Spiegel in meinem See. Denn wenn ich in ihn hineinblicke, dann sehe ich mich. Genauso wie ich bin. Nur mit einem kleinen Unterschied. Ich lächle. Nicht, dass ich nicht oft lächle, das tue ich. Jedes Mal, wenn ich mein Notizbuch öffne. Aber hier ist es anders. Ich strahle. Ich habe ein gesundes Herz. Eines, das funktioniert.

Ich bleibe nie lange an diesem Ort. Es ist nicht gut für uns, unseren Träumen nachzuhängen und zu vergessen zu leben. Genau deshalb lebe ich. Jedenfalls öffne ich jeden Tag aufs Neue die Augen. Das ist es was ich tue.

An manchen grauen, schlechten Tagen weiß ich zwar, dass ich lebe, aber es fühlt sich nicht so an. In solchen Momenten fühle ich nichts mehr. Die Realität erdrückt mich und manchmal glaube ich fast schon, dass sie mich dieses eine Mal ein bisschen zu fest gedrückt hat. Also schließe ich die Augen und lasse sie an diesen Tagen einfach zu. So ist es leichter. Manchmal ist es auch das Beste.

Umso schöner ist es, sie zu öffnen, wenn die Welt wieder etwas mehr leuchtet und Farben wieder existieren. Es ist ein Triumph, ein Erfolg, ein Sieg, indem ich mir einen weiteren Tag erkämpft habe. Ein neues Bild, eine neue Reise und auch ein neuer Strich. Natürlich bedeutet dieser nicht, dass die Dunkelheit nicht wieder zurückkommt. Denn das ist es was sie nun mal tut. Zurückkommen.

Der Strich von heute bedeutet, dass ich die Spitze meines Berges bald erreicht habe.

Ich werde meine Augen öffnen und meine Bilder anschauen.

Dann schließe ich sie. Für immer.

Aber nicht heute.

Heute bin ich kein Bergsteiger.

Ein Text von Susanna Ivok.

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