Eine verspätete Weihnachtsgeschichte

23.12.2020, 12:36. Die Box wird geöffnet. Ich wiederhole: DIE BOX WURDE SOEBEN GEÖFFNET. Ich kenne immer noch jeden Kratzer im Lack der Innenseite der Dose, jede Faser des Tuches das über mir lag, das einzige, woran ich mich nicht mehr erinnern konnte, war das Licht, das durch den kleinen Spalt hindurch kam noch für ein paar Tage, bis ich irgendwann hörte „Jetzt räum den ganzen Weihnachtskruscht doch mal weg, das Fest ist vorbei. Gib auf! Sie kam nicht.“, und damit kam die Kiste in den Schrank und ich kam in die Dunkelheit. Und so war es jetzt. Für 354 Tage. 

Es ist schwer, absolute Dunkelheit zu beschreiben. Ein jeder war wohl schon mal in Dunkelheit, aber wirklich absolut nichts sehen zu können, ist eine wahre Horrorvorstellung. Nicht mal für fünf Minuten das Licht ausmachen und wissen, dass man das Licht immer wieder anmachen könnte, wenn man wollte. Keine Flamme, um zu leuchten. Absolute Dunkelheit. Aufwachen und nicht wirklich wissen, ob man nicht eigentlich immer noch schläft. Träumen tut man nach ein paar Tagen auch nur noch von Dunkelheit und von absoluter Stille. Es ist schwer, einen solchen Zustand nicht als Tod zu beschreiben. Denn das war ich. Tot. Für 354 Tage. 

FUUUUUUUUUUUUUUUUUCK!!!!111!!!1!1!1 

Aha, so fühlt es sich also an, wenn einem die Augen ausgebrannt werden. Die geballte Kraft von 1000 Lumen brutzelte meine Augen, die seit fast einem Jahr nichts als absolute Dunkelheit gesehen hatten. „Sind die noch lang genug? Icke bin mir da ja nicht so sicher…“ „Doch doch, alles gut, die werden schon noch halten. Wir machen die ja eh nur einmal für so 4 Stunden mal an.“ Ach ja, angemacht werden. Ich hoffe nur, diese Menschen zünden eine Kerze an und mit der dann alle andern als uns alle einzeln mit Streichhölzern – nach einem Jahr brauche ich wirklich ein bisschen Körperkontakt, das ist ja nicht gesund, nie kerzliche Zuneigung zu erhalten. Ich meine, ich liege mit den selben 10 Kerzen für ein Jahr in derselben fucking Dose und trotzdem kann ich sie nicht hören weil diese tollen Menschen auf die großartige Idee kamen Stofftücher zwischen uns zu legen. Matthias lag sogar direkt neben mir, und trotzdem konnten wir nicht miteinander reden. Das nenne ich Folter. Kerzenrechte werden hier wirklich nicht geachtet. 

Aber nach ein paar Minuten ist die Sensation auch wieder verflogen, es ist wirklich außergewöhnlich, wie schnell sich eine erwachsene Kerze an ein neues Umfeld gewöhnen kann, besonders wenn sie die ganze Prozedur jährlich durchlebt. Also, na dann – rauf auf den Ständer, damit wir auch auf dem Baum halten, (ich habe dieses Jahr sogar den goldenen bekommen, Matthias war wirklich eifersüchtig) und ab gehts auf den Baum, hoffentlich werde ich nicht gepikt, und dann heißt es rum ruckeln für ein paar Tage, damit ich nicht wieder in die Kiste muss. 

Es ist immer noch der Traum, der in jeder Generation von Kerze zu Kerze weitergereicht wird: Das Ziel erreichen. Genug ruckeln, um den ganzen Christbaum abzufackeln. Hoffen, dass das Haus Feuer fängt. Diese Menschen, die einen das ganze Leben lang in eine Box sperren, mit in den Tod reißen. Komplett schmelzen. Frei sein. Was will man mehr? Ich erinnere mich immer noch an meine Mutter, wie sie mir in dem einen Jahr, in dem das Tuch schräg hingelegt wurde, so viele Geschichten erzählt hatte. Das ganze Jahr haben wir geredet und unserer Plan geschmiedet. Und obwohl wir einen wirklich perfekten Plan hatten, haben uns diese Menschen schon wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie haben sie brennen lassen. Meine Mutter, die schönste Kerze auf dem ganzen Baum, wurde angelassen. Und sie brannte aus. Ich erinnere mich noch an die schmerzhaften Stunden, in denen ich langsam realisierte, dass sie komplett schmelzen würde. 

Und jetzt saß ich da, auf dem Baum, ich wackelte und wackelte, aber es half nicht weiter. Und ich hatte Angst. Angst, zu schmelzen, ohne das Ziel zu erreichen. Sie würde wollen, dass ich ein langes Leben führe. Auch wenn das bedeuten würde, dass diese Menschen uns für immer trennen würden, mit diesen dummen Leinentüchern, bei denen ich jeder Faser auswendig wusste. 

„Hallo! Ich bin Martina.“ hörte ich leise. Oh nein. Ein Neuling. Vermutlich neu gekauft, vermutlich hatte diese Kerze noch nicht mal die eigenen Eltern ausgesucht. Einfach ignorieren. Bleib ruhig, Bartholomäus. Solche übermotivierten Kerzen regen mich auf. Dieses Leben ist nicht genießbar, und wir sollten nicht so tun, als wäre es. Das macht es akzeptiert. Aber wir dürfen es nicht akzeptieren. Wir müssen einfach weiterrütteln. „Hallo?“, hörte ich erneut. „Was ist denn?“, fragte ich, mit einem Ton, der eine jede anständige Kerze zum schweigen bringen würde. 

„Warum schaust du denn so traurig?“ – „Pfft…“ – „Du guckst nur so grimmig“ – „Ach, diese Menschen regen mich auf…“ – „Was machen sie denn?“ – „Wie bitte? Sie sperren uns ein, jedes Jahr. Sie holen uns nur dann, wenn sie uns brauchen, und heben uns sonst weit aus Sichtweite auf. Und sie lassen einfach Kerzen an. Sie verstoßen gegen so viele Kerzenrechte – ich kann es nicht tolerieren. Aber es macht keinen Unterschied. Ich kann sowieso nicht viel erreichen, geschweige denn den Baum zum Brenn…“ – „Was? Den Baum zum brennen bringen? Aber dann gehen wir ja drauf!“ – „Ja, blöder Nebeneffekt, aber es ist ja für einen guten Zweck…“ „WAS? NEIN! Ich bin noch viel zu jung zum Sterben. Ich habe noch nicht einmal meine Eltern ausgesucht!“ – „Schade…“ – „Aber das ganze macht doch auch einfach keinen Sinn. Die Menschen wissen ja nicht einmal, dass es uns schlecht geht…“ – „Mein Opa sagte immer: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!“ – „Wir sollten doch aber lieb sein und versuchen dafür zu sorgen, dass alle ein schönes Weihnachten und glücklich sind und viel Glühwein trinken können und ihre Familie sehen können und den Weihnachtsbaum anschauen können und sagen können: <Wow, ist der schön.> Also warum willst du jemandem etwas antun, der gar nicht weiß, dass er etwas schlechtes gemacht hat? Menschen sind doch gar nicht von Natur aus schlecht, sie wissen einfach nicht, dass es uns schlecht geht. Aber unser Ziel sollte es doch sein, besser als die Menschen zu sein und nicht zu versuchen, sie zu vernichten. Das ist doch noch viel schlimmer als in eine Box eingesperrt zu sein!“ – „…“ – „Weihnachten sollte ein Fest der Liebe sein, ein Fest der Freude und der Fröhlichkeit, aber wenn wir immer nur so pessimistisch sind und davon ausgehen, dass jeder immer nur das schlechteste von uns will, dann wird unser Leben doch auch nicht schöner.“ – „Naja, vielleicht hast du ja recht…“ – „Also lass uns doch lieber nicht versuchen, den Baum zum Brennen zu bringen, sondern so hell zu scheinen wie möglich, damit alle glücklich sind. Das macht uns dann auch glücklich!“, sagte die kleine Kerze. 

Sie hatte natürlich Recht. Aber ich hatte mit meiner Mutter seit so vielen Jahren dafür gekämpft. Ich konnte das doch nicht einfach aufgeben – für sie. Aber naja, dieses eine Weihnachten mal nicht zu versuchen, alle umzubringen, ist bei wiederholter Überlegung vielleicht gar keine so schlechte Idee… 

24.12.2020, 18:54, Christmas Eve. 

Oma Gerlinde ist jetzt auch da. Ich wiederhole: OMA GERLINDE IST JETZT AUCH DA. Das Weihnachtsfest konnte beginnen. Ich war sehr aufgeregt. Ich hatte noch nie versucht, kein suizidaler weihnachtlicher Attentäter zu sein. Das nenne ich Neuland. Also gut, here we come. 

Das hier ist so langweilig – jetzt habe ich so lange geübt, hell zu scheinen, und diiese Menschen lassen sich verdammt viel Zeit. Was machen sie? Essen? Pah – Es denkt doch sowieso nur jeder an die Geschenke. Und an mich – I will be gloriously bright. Ach, da kommen sie ja schon. 

Die große Kerze Bartholomäus und die kleine Kerze Martina brannten, als wäre es ihr Lebenssinn. Die Familie war sehr glücklich und alle hatten eine schöne Zeit. Der kleinste Mensch, das Baby Mephistopholes, war gar nicht fasziniert von den ganzen Geschenken die er bekommen hatte. Er war besonders interessiert an den Kerzen. Ihm war aufgefallen, dass zwei der Kerzen heller leuchten als alle anderen. Das fand er sehr interessant, und er beschloss, die beiden Kerzen auszupusten und vom Baum zu holen. Er klaute das Puppenbettchen seiner Schwester und legte die beiden Kerzen rein und er behütete sie gut. Für ihn waren die beiden Kerzen das beste Geschenk, sie brannten sogar heller oder weniger hell wenn er es ihnen sagte. Bartholomäus war glücklich. Er schaute Martina an und verliebte sich. Und sie führten ein schönes Leben in ihrem Puppen – Ehebett. 

Frederick Schubert (J1)

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